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13
Oct
2017


Reingeschaut ins Gesäuse

Sonstiges
Wildes Wasser, steiler Fels. Vom steinernen Hochtor hinunter zur sprudelnden Enns trifft man ein Naturwunder nach dem anderen. Man muss nur genau hinschauen – am besten geht das, während man durch den einzigen Nationalpark der Steiermark wandert. (Text: Katharina Maria Zimmermann, Fotos: Stefan Leitner / Nationalpark Gesäuse)

Lange muss man im Nationalpark Gesäuse nicht unterwegs gewesen sein, um herauszufinden, worüber die Leute so reden. Immer sind es die Berge, die im Mittelpunkt stehen. Und wer wohnt den Bergen am nächsten? Klar: die Hüttenwirte! Gäbe es eine eigene Klatschzeitung im Gesäuse, dann würden die Bewirter der insgesamt zehn Hütten dort immer wieder porträtiert werden. Dort laufen alle Fäden zusammen, dort treffen sich die Leute – Einheimische genauso wie Gäste. Und wie lernt man die Hüttenwirte am schnellsten kennen? Natürlich, indem man bei ihnen auf eine Nacht vorbeischaut. Und wer gleich das komplette Programm möchte, der kann seine fitten Wadeln für die Hüttenwanderung motivieren, denn die geht in sechs bis acht Tagen quer durch den im Oktober 2002 gegründeten Nationalpark. Auf dieser Tour lässt man tatsächlich nichts aus und kann am Ende mit Stolz sagen: „Ich kenne das Gesäuse!“

(c) Stefan Leitner

Der wahre Charakter

„Die Menschen im Gesäuse sind robust, hoabuachan (urig), gemütlich und fleißig“, erzählt man sich im Johnsbachtal beim Donnerwirt, an dessen Gastgarten man im wahrsten Sinne des Wortes vorbeikommt, wenn man das Bergsteigerdorf mit seinen Almen besucht und nicht zuletzt den Aufstieg zur Hess- und Mödlingerhütte in Angriff nimmt. Ein bisschen ist es hier wie in einem gallischen Dorf – so ganz kommen Fremde dem Spirit der (Ur-)Einwohner nicht auf die Schliche. Hier muss man sich erst beweisen. Das macht man am besten, indem man sich die Wanderschuhe an die Füße schnürt und sich ganz und gar von der Bergwelt verschlucken lässt.

Aller Anfang ist schwer, vor allem, weil es im Gesäuse keine Schummlerei gibt. Wer die Berge sehen will, der muss sie sich erarbeiten. Und das Schritt für Schritt, denn außer ein paar Materialaufzügen, die nicht mal eine Hand voll machen, wurden keine Lifte oder dergleichen in die Landschaft gebaut. Das Gesäuse ist ein ungeschliffener Diamant und genau deswegen so anziehend und bezaubernd. Doch das wird der Wanderer alles noch selbst herausfinden. Zuerst heißt es, Meter zu machen: von Admont über die Kaiserau auf die Klinke Hütte, um sich eines der Gesäuse-Kracherl zu gönnen – die Gesäuseperle. Eine Limonade, die sich der Geschmacksrichtungen des Berges bedient und von der Heidelbeer oder Apfel-Holunder wohl die empfehlenswertesten sind. Der Tag klingt allerdings erst auf der malerischen Mödlingerhütte aus – mit ihrem dunklen Holz und den grün-weißen Fensterbalken. Ein wunderschönes Gefühl, den vollbepackten Rucksack endlich in die Ecke stellen zu können und den Knien ihre wohlverdiente Ruhe zu gönnen. Sogar duschen kann man sich hier – ein wahrer Luxus am Berg!

(c) Stefan Leitner

Durch Johnsbach durch

Und schon geht’s durch die steirischen Urwälder ins Tal. Immer wieder versucht man, auf den Totholzbäumen vielleicht einen blauen Alpenbock zu erspähen. In Johnsbach geht sogar Sightseeing, zumindest ein bisschen. Und zwar am Bergsteigerfriedhof, der einem gleich ein bisschen Angst macht. Denn hier wurde allen Menschen, die in den Bergen verunglückt sind, ein Denkmal gesetzt. So weiß man sofort, wer wo wann abgestürzt oder in Bergnot geraten ist. Johnsbach ist bekannt für seine Wirte und das Waldfest, das alle Jahre wieder ein Fixpunkt auf dem Kalender der Einheimischen und Gesäuse-Fans ist.

Doch an Party ist momentan nicht zu denken, heute soll noch die Hesshütte erklommen werden. In dreieinhalb Stunden geschieht das vom Kölblwirt aus – zuerst jammern die Beine etwas, denn es geht steil bergauf, dann wird man mit wunderschönen Einblicken belohnt. Auf der Hesshütte wartet Reini mit einem Schnaps. „Im Frühling komm ich mir immer vor wie ein Murmeltier, das wieder raus muss,“ erzählt er demjenigen, der lang genug am Tresen verweilt. Alternativ kann man sich in sternenklaren Nächten auch warm einpacken, denn vom Gesäuse aus hat man einen der schönsten Blicke auf den Sternenhimmel – nirgendwo in Europa ist es so klar und der Blick auf den Großen Bär und Konsorten so ungetrübt.

(c) Stefan Leitner

Land vor unserer Zeit

Um auf die Ennstalerhütte zu kommen, passiert man eine der urtümlichsten und unberührtesten Orte im Gesäuse, den Sulzkarhund, ein Bergrücken, der einen gleich an Filme wie „In einem Land vor unserer Zeit“ erinnert. Hier eingebettet ist die Sulzkaralm, eine Alm, wie sie im Buche steht. Ein Schnaps geht dort einfach immer und lässt auch den Weg hinunter ins Tal vermeintlich kürzer erscheinen. Dort überquert man die Enns – neben der Salza eine der zwei Lebensadern des Gesäuses. Je nach Tagesverfassung kann sie blau, grün oder braun sein. Wir haben Glück, denn sie glitzert in schönstem Türkis. Im kleinen Örtchen Gstatterboden (40 Einwohner) startet der wild bewachsene Weg hinauf auf die Ennstalerhütte – die älteste im Gesäuse mit den jüngsten Wirtsleuten. Auf gelb-getupften Lichtungen stapft man durch den Wald und die Vorfreude auf ein heftig-deftiges Abendessen macht sich breit. Die Anstrengungen werden – wie so oft im Gesäuse – belohnt, denn von der gut gepflegten Ennstalerhütte hat man einen Rundumblick – und wenn sich dann auch noch das Alpenglühen einstellt, weiß man, warum man alle Strapazen auf sich nimmt. Man möchte weitergehen, immer weiter, denn bereits jetzt gehört die Hüttenwanderung zum Leben wie das Salz in der Kaspressknödelsuppe. 

(c) Stefan Leitner

 

Hintergrund: Nationalpark Gesäuse

Anreise: Von Wien sind es etwa 2,5 Stunden ins Herz des Nationalparks, aus Graz braucht man 1,5 Stunden und aus Salzburg zwei Stunden mit dem Auto. Übernachten: Beim Wandern schläft es sich am besten auf einer der Hütten (Hesshütte, Ennstaler Hütte, Admonter Haus etc.), wer lieber am Boden bleibt, der kann in Johnsbach beim Kölblwirt, im Gasthof zum Donner oder beim Gasthof Ödsteinblick bleiben.

Sehenswürdigkeiten: In Johnsbach ist der Bergsteigerfriedhof gleich am Ortsanfang ein Unikat, ansonsten ist es mehr die Natur, die anzieht, etwa die Wasserlochklamm in Palfau oder die Nothklamm in Gams. Die Hüttenwanderung verbindet alle Hütten des Gesäuses miteinander. In sieben bis neun Tagen biegt man diese abwechslungsreiche Tour runter – je nachdem, wie es um die Kondition bestellt ist. Selbstverständlich lässt sich diese Wanderung auch in kleine Bausteine aufsplitten und in mehreren Etappen bewältigen. Einfachere Wanderwege gehen unter anderem vom Erlebniszentrum Weidendom aus. Diese sind gut beschildert und führen zum Beispiel entlang der Enns bis nach Gstatterboden oder dem Johnsbach. Schön und einfach zu gehen ist etwa der Wasserfallweg in Hall nördlich von Admont. Für Regentage empfiehlt sich ein Besuch im Stift Admont, das mit seiner Klosterbibliothek auf jeden Fall mit den Naturschönheiten der Region mithalten kann.

Baden: Entweder man springt in die eiskalte, aber dafür smaragdgrüne Salza, die übrigens auch Trinkwasserqualität hat, oder man erfrischt sich in einem der vielen Freibäder, die in Admont, Weng, Hall, Gams oder Hieflau liegen.

Mehr zum Gesäuse finden Sier hier. 

Text: Katharina Maria Zimmermann, Fotos: Stefan Leitner / Nationalpark Gesäuse








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